Schneller als Toscanini

Noch einmal: Celibidache auf CD. Jetzt mit Aufnahmen aus Stuttgart. Den Anfang macht eine Brahms-Kassette

Sergiu Celibidache, jetzt auf allen CD-Kanälen:   Er, der zu Lebzeiten die Schallplatte als Teufelszeug verdammte, wird nun sogar auf dem Gelb-Label der Deutschen Grammophon vermarktet. Die Hamburger wollen sich ein Stück vom Erfolg der Celibidache-Edition des englischen Konkurrenten EMI abschneiden.
Mit den Celi-Erben hat die DG einen Exklusivvertrag abgeschlossen, der es ihr ermöglicht, alles, was es an Celibidache-Musikbändern noch gibt, zu sichten und zu veröffentlichen. 6o CDs sind geplant. Den Anfang machen Aufnahmen mit dem SWR Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, mit dem der Maestro zwischen 1972 und 1982 eng zusammenarbeitete.

Sohn Serge und der Präsident der DG, Karsten Witt, waren ins Stuttgarter Funkhaus gekommen, um den ersten Streich, sämtliche Brahms-Sinfonien in Mitschnitten von 1974 bis 1976, vorzustellen (459 635)· Wie sich's gehört, outete sich Witt als Celi-Fan: "Bei ihm machte ich meine ersten - und zugleich letzten Dirigierversuche." Die unvermeidliche Frage nach den 33 Münchner Celi-CDs der EMI parierte der DG-Chef gelassen: "Für mich hatte Celibidache in Stuttgart seine große Zeit. Hier war er noch energiegeladen, seine Tempi waren zügiger und funktionieren deshalb auf CD  auch besser als die langsamen seiner Münchner Jahre."

Daß EMI der DG die frühen Münchner Mitschnitte hinterlassen hat, die noch nicht digital aufgenommen wurden, freut Witt. Sie sollen später veröffentlicht werden. Ebenso versucht man, für die Rundfunkbänder aus Italien, Kopenhagen und Stockholm den klanglich passenden Sonntagsanzug zu finden, aber: "Geschnitten, also geschummelt wird nicht, höchstens da und dort der Klang erweitert und natürlich gemacht." Brav bedankte sich Sohn Serge für so viel Produzenten-Ethos. Wie schon bei den EMI-CDs soll auch hier der Erlös den zwei (noch zu gründenden) Celibidache-Stiftungen zugute kommen.

Hört man in den Stuttgarter Brahms hinein, fällt einem als Münchner sofort auf, um wieviel lebendiger da musiziert wird: nur 35 Minuten benötigte Celi I976 für die F-Dur-Sinfonie. Sogar Toscanini war (1952) langsamer.

Wie geht's weiter? Im Mai sollen drei CDs mit Werken russischer Komponisten erscheinen, im August ein Richard-Strauss-Album und im Oktober eine Sammlung mit Debussy und Ravel.

Die dritte CD der Brahms-Kassette serviert uns einen Probenausschnitt (4. Sinfonie) - Celi singt, schreit und schimpft nach Herzenslust. Gerne hätten wir nachvollzogen, welche Orchester-Kräfte diese Emphase im Ernstfall freisetzte. Pustekuchen. Für die Aufführung der gesamten Sinfonie griff die DG auf ein Konzert zurück, das bereits acht Monate früher stattfand. Schade.

(Abendzeitung Volker Boser)

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